Brandenburg auf dem Weg zum "Silicon Valley der Luftfahrt"

© Rolls-Royce Deutschland / Steffen Weigelt

© Rolls-Royce Deutschland / Steffen Weigelt

Eine Reportage von Heiner Siegmund

Große Spargelfelder und üppige grüne Wiesen liegen rechts und links der Bundesstraße 246, die Ostdeutschland von West nach Ost durchquert. Offenbar eine fruchtbare Gegend. Dann eine scharfe Rechtskurve und man steht vor dem Verwaltungsgebäude des Flughafens Schönhagen, 90 Jahre alt und rund 35 Kilometer südwestlich vom neuen BER im Bundesland Brandenburg gelegen.

Und sehr fruchtbar ist auch das, was auf diesem Platz seit einiger Zeit passiert. So finden in enger Kooperation mit Großunternehmen wie dem Triebwerkshersteller Rolls Royce Forschungsarbeiten für die Entwicklung emissionsarmen Fliegens statt. Mit im Boot sind auch sechs verschiedene Flugzeughersteller, die alle in Brandenburg sitzen und teilweise Niederlassungen auf dem Flugplatzgelände von Schönhagen haben, etwa Aquila Aviation International, RS Aero und Cirrus Aircraft. Insgesamt 41 verschiedene Unternehmen haben sich auf dem Flughafengelände angesiedelt oder unterhalten dort eine Repräsentanz. Dabei ist Schönhagen aber nur ein Schauplatz in Brandenburg. Rolls Royce unterhält im brandenburgischen Dahlewitz einen großen Standort. Hinzu kommen Firmen wie der Avionik-Spezialist ASE, der Elektronikspezialist Rhode sowie Dienstleister und Forschungseinrichtungen, wie das European Aviation Security Center und die Technische Hochschule Wildau.

Klimaneutralität ist das oberste Ziel
Koordiniert werden unterschiedlichste Forschungs- und Entwicklungstätigkeiten von der Berlin-Brandenburg Aerospace Allianz (BBAA). Es ist ein von Professor Andreas Timmermann geleiteter Verbund, der die Interessen der regionalen Luft- und Raumfahrtindustrie bündelt, deren Mitglieder mit Akteuren aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik vernetzt und – wichtigste Aufgabe – Innovationen vorantreibt.

Ein Kernthema des Clusters, das in Schönhagen seinen Nukleus hat, ist das Experimentieren mit synthetischen Kraftstoffen, um den CO2-Ausstoß im Luftverkehr zu senken. "Wir wollen die Treibhausgasemissionen sogar auf Null herunterfahren", gibt er das ehrgeizige Ziel von BBAA für Schönhagen vor. Während er das sagt, zeigt er auf das Ende der Start- und Landebahn 07/25 und den Anflugbereich mit der Anflugbefeuerung. "Die ideale Fläche zur Errichtung einer zwölf Hektar großen Photovoltaikanlage, um mittels Solarenergie Wasserstoff per Elektrolyse zu gewinnen. Das Genehmigungsverfahren für dem Bau des Solarparks läuft bereits", erklärt Flughafenchef Klaus-Jürgen Schwahn. Auch technisch sind die Weichen gestellt und die ersten Untersuchungen abgeschlossen.

Für einen Elektrolyseur, der Strom zu Treibstoff konvertiert, wurde ein Standort gefunden. Vorteil dieses auf die lokalen Gegebenheiten konzentrierten Vorhabens: Mit dem vor Ort produzierten Wasserstoff können Schönhagen anfliegende Flugzeuge direkt betankt oder synthetischer Kraftstoff produziert werden, was immer gebraucht wird. Das verflüssigte Gas braucht also nicht über größere Distanzen von der Herstellung bis zum Nutzer über weite Wege transportiert zu werden, was wiederum mögliche CO2-Emissionen spart. Das ist ein wichtiger Baustein auf dem Weg Richtung CO2-Neutralität.

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Doch was können andere - auch größere - Verkehrsflughäfen von dem Beispiel BBAA und Schönhagen lernen? Sie können Wasserstoff autonom herstellen, und zwar durch Solarfelder, die auf Freiflächen innerhalb des Airport-Geländes, auf dem Dach von Passagierterminals und Frachthallen aufgestellt werden und damit den nötigen Strom liefern, um Wasserstoff zu erzeugen.

Ein Konzept, das Patrick Muller, Senior Vice President Operations von der Flughafengesellschaft Berlin Brandenburg (FBB), positiv bewertet und sich daher auf der Sitzung in Schönhagen für die Zusammenarbeit zwischen dem BER und der BBAA ausgesprochen hatte. Im ersten Schritt ist geplant, dass Timmermann und Schwahn dem FBB-Management ihr Konzept zur Klimaneutralität vorstellen wollen, als Impulsgeber für die Umwandlung des Berliner Großflughafens zu einem klimaneutralen Airport.

BBAA-Kooperation geht weit über Ostdeutschland hinaus
"Inzwischen geht die Kooperation der Berlin-Brandenburg Aerospace Allianz weit über Ostdeutschland hinaus. So ist das Schönhagen-Projekt eingebunden in das europäische Airdrome-Konsortium. Dieses ist Teil vom Green Deal der EU-Kommission", erläutert Hugo Duchemin von der Pariser Beratungsagentur Comworxx. Comworxx koordiniert die lokalen mit den überregionalen Aktivitäten mit dem Ziel der Klimaneutralität von Airlines und Airports. "Unser Ziel ist es, den klimaneutralen Flugverkehr innerhalb der EU zu verwirklichen, je schneller, desto besser", gab Duchemin auf dem Treffen in Schönhagen vergangene Woche vor.

Und so ist es durchaus denkbar, dass sich in Schönhagen, südwestlich von Berlin gelegen, etwas entwickelt, das weit über die Grenzen Brandenburgs streut. Vielleicht, so hofft man jedenfalls, wird hier sogar gerade der Grundstein für eine Art Silicon Valley für nachhaltiges Fliegen gelegt.

Dieser Artikel ist zuerst auf Cargo Forwarder Global erschienen.


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